75 Mijls: ein neues Regattaformat mit Fahrtencharme

Zur Nachahmung empfohlen!

 

Eigentlich, ja eigentlich wollten Bart Buitenhuis und ich eine Nachtregatta von Flensburg aus segeln, aber die fiel drei Tage vorher einfach aus. Ob durch Einfluss des Windgottes oder des WM-Gottes, ist nicht überliefert. Aber mit regattafertig gepacktem Trailer-Sailer in der Halle konnten wir kurzerhand unser Ziel ändern und ein neues Regattaformat ausprobieren, von dem ich im Frühjahr gelesen hatte: die 75 Mijls, ein "lekker rontje" rund um das Ijsselmeer. 

 

Also flugs die Tracking-App, das Herzstück des über das Internet ausgetragenen Wettbewerbs, auf das Handy geladen und auf den letzten Bahnfahrten ins Büro die Navigation neu aufgestellt. Die "Piste" auf dem Ijsselmeer ist durch 16 eng zu rundende Tonnen fest vorgegeben und eben 75 Meilen lang. Nicht vorgegeben ist aber, wo man auf die Piste geht und ob man rechts- oder linksrum segelt. Und vor allem nicht, wann man startet, lediglich die Anmeldung muss vorher getätigt sein und der Starttag festgelegt werden. Selbst eine Unterbrechung, z.B. über Nacht ist möglich. Wir starteten von Lelystad aus, dem von Dormagen aus nächsten Hafen an der Süd-Ost-Ecke der Piste und im Uhrzeigersinn, an der Tonne "Sport E".

Es gibt keine sichtbaren Gegner und keinen Regelsalat an den Tonnen, aber dafür muss selbst der optimale Startzeitpunkt gefunden werden, um den Rundtörn mit optimalem Tempo zu schaffen. Für uns mit einem sehr kleinen Schiff lag dieser direkt im ersten Abflauen des Starkwindes, der uns zwei Tage lang im Hafen festgehalten hatte. Dummerweise morgens um 5:00 Uhr. Aber wir sind ja schließlich nicht zum Spaß hier. Um 06:13 Uhr war unser persönlicher Start bei "Sport E" erreicht und wir gingen kräftig gerefft bei immer noch knapp 20 Kn Wind auf die erste lange Kreuz in den Morgen. Mutterseelenallein. 

 

 

Unsere Salamitaktik, dadurch relativ früh unter die Wellenabdeckung des luvwärtigen Westufers bei Enkhuizen zu kommen, ging gut auf. Am Vormittag wurde das Wasser deutlich glatter und beim ersten Sonnenschein konnten wir mehr und mehr ausreffen und zum Abschlußdeich hinauf segeln. So langsam zeigte sich auch der eine oder andere Segler auf dem Wasser und vor jeder Tonne rätselten wir, ob es einer der 5 virtuellen Gegner sein könnte, die sich auch an diesem Tag für die 75 Mijls im Internet eingetragen hatten. "Bergfest" und nördlichster Wendepunkt vor dem Hafen der ehemaligen Insel Breezanddijk im Abschlussdeich war für uns die Tonne "Sport B", ab der wir weitgehend raume Kurse hatten und im schönsten Sonnenschein versuchten, dem planmäßig weiter nachlassenden Wind unter Gennacker die letzten zehntel Knoten zu entlocken. Auf den längeren Strecken von Tonne zu Tonne gönnten wir uns zwischendurch zwei schnellefix gekochte Essen und ein erholsames Powernapping. 

Nach dem Runden der Tonne "VF B" im Osten vor Urk ging es mit Südkurs auf die letzte Gennacker-Strecke, während hinter uns die Sonne noch einmal tief unter der inzwischen zugezogenen Wolkendecker hervorlugte. Als die Dunkelheit hereinbrach, wurde es noch einmal spannend, denn die Macher der Regatta haben den süd-östlichsten Wendepunkt der Strecke mit der Tonne "KH" tief in die Mündung des Ketelmeers gelegt. Unmittelbar vor der hell erleuchteten Autobahnbrücke ist das schwache Tonnenfeuer erst spät aus zu machen und schließlich müssen alle Tonnen in 15m Entfernung gerundet werden, "Schnibbeln" des Kurses ist so ausgeschlossen. Ganz im Gegensatz dazu dann der allerletzte Schenkel unserer "Rontje" zurück zu unserem Startpunkt "Sport E", Kurs West in die Nacht, die sich besonders rabenschwarz anfühlte, den der vor uns im Dunkeln liegende Markerward-Deich verdeckte die meisten Lichter vor uns. 01:52 Uhr, die "Sport E" ist wieder an Backbord, wir haben es gepackt, nach 19:38 Stunden gesegelter Zeit. 

Jetzt warteten, im Gegensatz zu den überfüllten Häfen bei anderen Regatta-Events, eine freie Box und eine heiße Dusche im Houtribhafen in Lelystad auf uns, wo wir um 03:30Uhr nach 102 Meilen wieder festmachten, um im ersten Morgengrauen in den Kojen zu verschwinden. 

 

Nach einem kräftigen Frühstück am späten Vormittag und dem Hochladen unseres Tracks auf die Webseite der 75 Mijls konnten wir unser vorläufiges Ergebnis sehen: 10. Platz von 15 Seglern, die die "Lecker Rontje" in diesem Jahr bereits angegangen sind, darunter 4 mit Übernachtungspause und echte Regattakisten wie eine Pogo 12.50. Die hat sich übrigens 

schon zum zweiten Versuch gemeldet, auch das ist möglich, wenn man unbedingt ganz oben auf die Liste will. Wollen wir nicht, wir haben einfach nur richtig viel Segelspaß beim Meistern der gestellten Aufgabe gehabt und sind gespannt, ob vieleicht jemand aus dem YCBL unseren Aufschlag toppt. Die Saison ist ja noch lang...

Mehr Infos, auch über die "kleine Schwester", die "30 Mijls" auf dem Markermeer, findet Ihr unter https://75mijls.olgc.nl

 

Stefan Sprickmann