LIVETICKER 200myls solo Stefan Sprickmann

Die erste Hürde ist genommen, "Mahjong" liegt pünktlich und fertig zum Lossegeln im Bataviahafen vor Lelystad. Der GPS-Tracker läuft bereits, auf der Seite von 200myls kann man Mahjong schon sehen, sie hat ein rosa Symbol bekommen wie ein großes "L".

Jetzt geht es zur Steuermannsbesprechung, die hier treffend "Palaver" heißt.

Stilecht auf einem alten Großsegler, der "Abel Tasman".

129 Schiffe haben den Hafen gut gefüllt.

 

Startzeit ist morgen früh von 07:00 Uhr bis 10:00 Uhr, da "Mahjong" zu den  langsameren, weil kleinsten Schiffen gehört, muss ich früh am Start sein. Aber ich habe das Gefühl, das wollen alle, auch die Segler mit riesigen Regattaschiffen von 40 - 50', die hier auch mitsegeln und Kreise um mich fahren könnten. Aber die wollen nur früh zuhause sein.

 

Leider ist der Server, von dem es die Navi-gerechten Wetterdaten gibt, gerade down und der Windmesser im Mast tut es auch nicht. Also wird wieder mit dem "Popometer" gesegelt, wie früher.

Morgen früh wird es nach den aktuellen Vorhersagen mit knapp 20Knoten (6 Bft) wehen. Darum habe ich das Groß mit 2 Reffs vorbereitet. Damit ist Mahjong eher unterpowert, aber dadurch kann ich die Fock voll fahren und gut Höhe laufen, denn erst mal liegen 4 Meilen am Wind vor mir. Dann

sehen wir weiter, ausreffen geht bei Mahjongs klassischem Bindereff einfacher.

Das große Rätsel ist noch, ob Bahn 5 (mit viel Südkursen) oder Bahn 4 mit mehr Ost-West-Schlägen besser ist. Der Wind soll am Donnerstag auf Süd drehen und abflauen, da wäre Kreuzen nervig.

Wer gute Tipps hat, immer her damit, die Bahnen findet Ihr unter 200myls.

Wenn es der Wind und der Autopilot erlauben, lese ich mit.

Seewetterbericht DWD Hamburg 02.10.2018, 18 UTC:

Vorhersage gültig bis morgen Mittag:Ijsselmeer :

Nordwest 6, abnehmend 4, anfangs Schauerböen, See 1 meter.

 

Aussichten gültig bis morgen Nacht: Ijsselmeer :

Nordwest 3 bis 4, west- bis südwestdrehend.

Die Durchfahrt links vom "Hockenden Mann" ist die Startlinie.

Der ganze Hafen erstrahlt im glanz von rot/grünen Toplichtern, sieht sehr feierlich aus.

Der Wind ist etwas schwächer, aber böig. Vor allem aber kein Regen. Ca.4-5 Bft.

So, jetzt auch mein Topplicht an und ran an die Linie.

Der erste Kurs ist 296° und 12 smlang, wird also ca. 2,5 Stunden dauern.

Danach der erste Raumgang. Wenn der Wind schon weit genug abgeflaut ist, der erste Genaker-Kurs.

So langsam wird es ein richtig schöner Segeltag. Bin um 7:37 über die Linie.

Die beiden Reffs waren ok, es gab fette Drücker.

Jetzt ist die Krängung zurück gegangen und ich kann wohl ein Reff rausnehmen. 

Das Markermeer liegt hinter mir und die langen Abschnitte auf dem Ijsselmeer vor mir. In der Schleuse vor Enkhuizen gab mir eine Mitseglerin einen Tip und nun liege ich im Vorhafen des Compagniehafens von Enkhuizen seit 19:30 Uhr  vor Anker. Der Wind ist komplet weg und

wird in der Nacht wieder kommen. Darum habe ich die vorgechriebene Anker-Liegezeit eingeschoben. Mindestens 6 Stunden. Da ich viel Segelzeit brauche, heist das also seeehr früh aufstehen. Ab 03:00 Uhr soll der Wind wieder da sein.

05:00 Uhr : Die Tonne am Ende der Navidukt-Passage ist passiert. Der versprochene Wind ist da und Mahjong ist raumschots mit 5,5 kn unterwegs zur nächsten Bahnmarke. 

Ein ziemlich langer Segeltag geht zuende. Anstatt abnehmenden Windes gab es bis zum Sonnenuntergang immer wieder fette Drücker bis zu 6 Bft, was mehrfaches Ein- und Ausreffen bedeutete.

 

Auf dem langen Abschnitt nach Nordebfan zum Abschlußdeich freute ich mich zunächst natürlich über die schnelle Rauschefahrt bei kräftigem Südwind, bis sich mir immer drängender die Frage stellte, wie ich den Genacker jemals wieder runter kriegen sollte. Abfallen und den Genacker

in Lee des Großsegels bringen half nicht viel, Mahjong ging in der mitlaufenden Welle mehr und mehr "auf die Geige". Schließlich kam, was kommen musste, ein klassischer Sonnenschuß. Nach dem Loswerfen des Genackerfalls richtete sich das Boot aber brav wieder auf und schüttelte

das Wasser aus dem Großsegel. Dann war erst mal Aufräumen angesagt.

Besonders auch unter Deck. Aber alles intakt, Schiff trocken.

Der reichliche Wind bescherte viele Stunden auf der hohen Kante, bis ich abends um 21:00 Enkhuizen wieder erreichte. Diesmal im Hafen, auch dieser Laptop funktioniert mit Strom...

Und der Autopilot hatte reichlich zu tun.

 

Alles Rechnen hilft aber nix, ich habe erst gut die Hälfte der Stecke hinter mir. Also weiter dranbleiben und morgen wieder schweinefrüh aufstehen. Wenigstens soll es wärmer werden.

Noch schnell zum Hafenmeister, bezahlen, dann gehts los. Frische Wetterdaten sind geladen, die Batterien ebenso. Der Wind hat südlich gedreht und ist schwächer geworden.

 

Heute will ich die zweite Runde rund ums Ijsselmeer schaffen. Das bedeuet reichlich Spinnackern, der Gennacker ist noch klatschnass. Und es wird wieder spät werden. Aber ich kenn ja jetzt hier den guten Ankerplatz vor Enkhuizen, da kann ich kommen, wann ich will...

Seewetterbericht herausgegeben vom Seewetterdienst Hamburg

 

04.10.2018, 18 UTC:

Vorhersage gültig bis morgen Mittag:

Ijsselmeer :

Südwest 4, süddrehend, nachts diesig, See 0,5 Meter.

  

Aussichten gültig bis morgen Nacht:

Ijsselmeer :

Anfangs Süd 4, sonst schwachwindig.

Die südlichste Tonne auf der 2. Ijsselmeer-Runde ist passiert, jetzt erst mal ganz lange Kurs Nord in der Mittagssonne. Der Wind ist fast eingeschlafen und ich trödele mit 2 Knoten vor dem Wind. Sieht wieder nach einem langen Tag aus.

 

Bin auf T-Shirt und Sonnencreme umgestiegen und der Gennacker trocknet vor dem Großsegel. Vieleicht brauche ich ihn heute ja noch, er ist größer als der Spi.

Unterbrochen, aber noch nicht abgebrochen! Seit heute Morgen Flaute bis Totenflaute, statt der von allen Wetterfröschen vorhergesagten 6.7 Kn. Wind. 

 

Habe mich entschlossen, den letzten "Telefonjoker" zu ziehen und noch eine Pausenzeit einzulegen. Leider ist der nächste brauchbare Ankerplatz 1,5 Stunden entfernt und die muss ich nach der Pause auch wieder zurück motoren. Mit einer Ankerzeit von 6 Stunden dort habe ich aber die Mindestregeln für Pausen erfüllt und kann segeln, solange ich Lust habe, 

Und weil dann (hoffentlich) wieder Wind ist, wird der Segelspaß dann eindeutig höher sein als jetzt. Und nur so kann ich es überhaupt im Zeitfenster schaffen.

In den Bäumen neben dem Nothäfchen rauschen die Blätter, endlich Wind. Also los, zurück zur Bahnmarke, an der ich gestern abgebogen bin. Werde ca. 06:30Uhr  da sein, dann bin ich wieder im Rennen. Noch 73 Meilen zu segeln.   

12:25: endlich die nördlichste Tonne erreicht. Nun gehts bei schönstem Sonnigen Segelwetter mit 3-4 Bft parallel zum Abschlussdeich. Soll aber nicht so bleiben. Für heute Abend sind 6-7 Bft angesagt, darum habe ich vorsorglich die 3.Reffleine ins Großen eingeschoren. Wenn es kachelt werde ich sie brauchen. 

 

22:00 Uhr, es regnet und kachelt. Bin gerade rechtzeitig mit der Ijsselmeer-Bahn fertig geworden, um mich wieder im Vorhafen von Enkhuizen vor Anker verkriechen zu können.

 

Der Starkwind soll ab 6:00 Uhr nachlassen, dann muss ich wieder unterwegs sein. Noch 25 Meilen, davon eine Kreuz von 5 Meilen. Es wird eng, Sonntag um 12:00 Uhr endet das Zeitfenster.

Mit der ersten Schleusung um 6:00 ins Markermer. 

Noch 25 Meilen bis 12::00

 

Das wird knapp,! !!

Es war nicht mehr zu schaffen. Schon an der letzten Bahnmarke war klar,  dass ich die Zieltonne nicht mehr pünktlich passieren werde. Mit dem Wind von heute früh wären die letzten 5 Meilen eine Am-Wind-Rauschefahrt mit geschrickten Schoten und gut 5 Knoten gewesen. Aber der Wind hatte wieder gegen mich gedeht und flaute zügig ab. So ging es auf eine zähe Zielkreuz gegen stark schwächelnden Wind, denn es wird zuende gesegelt, Ehrensache!.

Am Ende fehlten genau 58 Minuten.

 

Was bleibt waren 4 1/2 superschöne und superanstrengende Segeltage bei dieser

Allround-Challenge. Ich werde sicherlich noch einmal versuchen, die 200 Myls Solo zu knacken, denn insgesamt war Mahjong durchweg zügig unterwegs. Viele Abschnitte mit 5,5 Knoten und mehr (bei einer Rumpfgeschwindigkeit von 6,2 Knoten). Es geht also, auch mit einem 

kleinen Schiff.

 

Aber von den insgesamt 101 Stunden Regattazeit war ich nur ca. 55 Stunden tatsächlich unterwegs zum Ziel. Hätte ich nur die vorgeschriebenen 27 Stunden Mindest-Auszeiten genommen, wären 74 Segelstunden möglich gewesen. Hier hätte ich etwas mehr Reserve 

vorhalten müssen, um nicht am Ende  durch die Zwangspausen wegen Flaute und Sturm das Zeitfenster zu reissen.

 

Klar unterschätzt habe ich auch den großen taktischen Einfluss, den das Wissen um die möglichen Häfen hat, die man in den jeweiligen Abschnitten günstig anlaufen kann. Und wie ich z.B. nachts wieder auslaufen kann, ohne das Liegegeld zu prellen. Die Vorbereitung für den nächsten Versuch beginnt also mit einem Kurzurlaub zu den Ijsselmeerhäfen.

 

Insgesamt eine sehr spannende und sehr gut organisierte Veranstaltung, bei der ich mich sehr gut aufgehoben fühlte. Stets hilfsbereite Mitsegler (Gegner wäre hier das falsche Wort) und eine Wettfahrtleitung, die 24/7 Erreichbarkeit und Unterstützung anbietet, habe ich noch nicht 

erlebt. Dafür an dieser Stelle meinen herzlichen Dank an das komplette 

 

Team der Stichting 200 Myls Solo!!!